Johannes Hemetsberger
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Mein ganz persönlicher Blickwinkel

Irgendwelche kleine Geschichten geisterten schon immer in meinem Kopf herum und wuselten durch die unendlichen Weiten meiner Gedankenwelt. Irgendwann in der zweiten Hälfte meiner Hauptschulzeit begann ich dann meine träumerischen Ideen niederzuschreiben, indem ich ganze Hefte füllte. Ganz egal, ob ich nun irgendwelche Wesen mit den sonderbarsten Namen erfand oder Fantasieländer mit abenteuerlichen Völkern bevölkerte, ich war immer mit Feuereifer bei der Sache. Angestachelt durch die Sagen des klassischen Altertums oder jener der Nordländer, deren Geschichten ich mit Begeisterung verschlang, wurden meine Gedanken von einer Zeit beflügelt, deren zauberhafte Magie es versteht, mich noch heute zu betören. Wer die Abenteuer meines Guraners gelesen hat wird erahnen können, was ich meine. Doch mit dem Heranwachsen und Älterwerden kamen plötzlich auch andere Sachen zur Sprache, Dinge, die mich beschäftigten und darauf brannten, niedergeschrieben zu werden. Die Palette war groß und ist es noch immer, reicht sie doch von Liebe und Schmerz, Lachen und Weinen, über Freude und Leid bis hin zum Tod und der Frage, ob das denn alles war. Kurzum: Alles Themen, die ständig präsent sind, weil sie unaufhörlich wiederkehren und uns somit das ganze Leben lang begleiten. Man sagt zwar, dass der Mensch mit dem zunehmenden Alter gelassener und ein wenig weiser würde, doch auch, dass er liebgewonnene Gewohnheiten beibehalten sollte. Darum schreibe ich noch immer vieles davon auf, was ich sehe, erlebe und mir bewegend durch den Sinn geht, denn alles ist im Fließen und die Zeit bleibt ohnehin nicht stehen.



Die Geschichte des Monats

In dieser Rubrik erlaube ich mir in regelmäßigen Abständen eine kleine Geschichte zu veröffentlichen.

Mrs. Norris hasste ihre neue Schwiegertochter Amy, denn gleich ihre erste und einzige Begegnung endete im Streit. Sie verstand auch nicht, warum ihr Sohn Ronald seine erste Frau Eileen verlassen hatte, nur um diese Schlampe zu heiraten. Doch Ronald lag daran, dass sich beide Frauen endlich aussöhnten und darum lud er seine Mutter auf ein gemeinsames Wochenende ins Valley ein. Aber als sie beide ankamen, holte sie Amy nicht, wie vereinbart, an der Bus Station ab, was Mrs. Norris ein triumphierendes Lächeln ins Gesicht trieb. Doch Amy hatte eine Entschuldigung, denn sie lag erdrosselt im Schlafzimmer. Ein kleiner Auszug aus dem neuesten Band meiner Krimi-Reihe Leo King.

Ein sauberes Alibi

Die Frau, die in der Greyhound Bus Station unter der Anzeigetafel mit den Abfahrtszeiten stand, hatte einen platten, rechteckigen Körper und ein ebenso rechteckiges, wie steinhartes Gesicht. Zu ihren Füßen stand ein robuster, aber kaum benutzter Lederkoffer, den sie vor fünfundvierzig Jahren auf ihre Hochzeitsreise mitgenommen hatte. Ihre Augen suchten den sich an ihr vorbeischiebenden Strom der Berufspendler ab und ihr Mund wurde immer verkniffener, bis die Lippen einer haardünnen Spalte glichen.
Mrs. Norris wartete auf ihren Sohn. Er hatte sich bereits eine Minute verspätet, doch seine Unpünktlichkeit bereitete ihr eine wachsende Befriedigung. Aber dieses Wohlbehagen verschwand bei Ronalds plötzlichem, hastigem Auftauchen ebenso rasch, wie es sich eingestellt hatte, und machte ihrer üblichen, schlechten Laune Platz.
„Da bist du also“, sagte sie knapp.
„Tag, Mum“, grüßte Ronald und fragte: „Hast du schon deine Fahrkarte?“
Sie hatte sie natürlich nicht, denn das war seine Angelegenheit. Sie wusste zwar, dass er während der drei Jahre seiner zweiten Ehe immer knapp bei Kasse gewesen war, aber das war nicht ihr Problem.
„Du solltest lieber gehen und eine besorgen“, sagte sie schroff. „Oder willst du, dass wir den Bus verpassen?“
Ronald brauchte sehr lange, denn vor dem Ticketautomaten stand, wie meistens, eine Schlange Leute.
Mrs. Norris schielte auf die Uhr. In zwei Minuten würde der Bus abfahren.
Sie ertappte sich bei dem Gedanken, wie wunderbar es doch wäre, wenn sie ihn versäumen würden und damit alles anfinge, schiefzugehen. Denn ohne ihr Verschulden würden sie dann zu spät kommen in dieses, bestimmt schmutzige, Haus, wo ihre Schwiegertochter warten würde. Ihre Unpünktlichkeit würde bestimmt einige Dissonanzen zwischen Ronald und Amy auslösen und deren Gezanke mitanzuhören, dass ihr Sohn wieder einmal alles falsch machte, würde Balsam auf ihren Groll sein.
Sie erreichten dennoch, knapp aber doch, den Bus. Er war voll und sie mussten beide stehen, aber Mrs. Norris beklagte sich nie. Sie würde lieber ohnmächtig werden, als ihr Alter oder ihre Krampfadern anzuführen, um einen jüngeren Menschen zu bewegen, ihr seinen Sitzplatz zu belassen.
Grimmig hörte sie stattdessen zu, wie ihr Sohn über die vorbeiziehende Landschaft schwärmte und wie sehr sich Amy darüber freute, sie für ein paar Tage im Valley bei sich auf Besuch zu haben.
Mrs. Norris hätte spätestens jetzt laut aufgelacht, doch ihre Lippen bewegten sich nicht. Sie dachte an jenes einzige Mal, als sie ihrer neuen Schwiegertochter begegnet war. Damals hatte Amy diese ungeheure Frechheit besessen, Eileen als habgierige Hexe zu bezeichnen. Mrs. Norris erinnerte sich noch gut daran, wie sie das Zimmer schnurstracks verlassen hatte, fest entschlossen, Amy niemals mehr wiederzusehen. Es bewies wirklich wie nachsichtig sie war, dass sie jetzt mit Ronald hinaus ins Valley fuhr.
„Amy hat die ganze Woche mit dem Hausputz zugebracht, damit du es schön hast, Mum“, riss er sie aus den Gedanken.
Mrs. Norris war etwas schockiert, dass ihr Sohn so etwas laut hier im vollbesetzten Bus zur Sprache brachte. Aber sie wusste auch, dass sich Amy als Hausfrau und Köchin nicht mit Eileen messen konnte, dabei war es doch das mindeste, dass eine anständige Frau das Haus immer sauber hielt.
„Meinetwegen hätte sie sich diese Mühe nicht machen müssen“, erwiderte sie kurz und knapp. „Könntest du mir den Koffer von der Ablage herunterholen?“
„Wir haben noch fünf Minuten“, erwiderte ihr Sohn.
Statt einer Antwort streckte sich Mrs. Norris schwerfällig und mühte sich selber mit dem Gepäckstück ab. Ronald und noch ein anderer Mann beeilten sich, ihr zu helfen. Beinahe wäre der Koffer einer jungen Frau mit einem Baby im Arm auf den Kopf gefallen und als der Bus in einer scharfen Kurve kurz abbremste, stolperten alle durcheinander. Jeder klammerte sich an jeden und im ganzen Bus herrschte ein gelindes Chaos.
„Wenn du mir gleich geholfen hättest, wäre das nicht passiert“, sagte Mrs. Norris scharf, nachdem sie ausgestiegen waren. „Aber du warst ja schon immer eigensinnig.“
Sie verstand nicht, warum er sich nicht zur Wehr setzte und sich verteidigte. Anscheinend war er, ihres Besuches wegen, noch viel nervöser, als sie gedacht hatte.
„Wir nehmen doch ein Taxi?“, fügte sie hinzu, um ihn noch mehr zu reizen.
„Amy holt uns mit dem Wagen ab“, erwiderte Ronald.
Sie ließ ihre scharfen Augen suchend über den Platz schweifen und sagte dann in zufriedenem Ton: „Sieht nicht so aus, als hätte sie sich die Mühe gemacht, uns abzuholen.“
„Der Bus war ein paar Minuten früher hier“, murmelte er, aus der Fassung gebracht.
„Er hatte drei Minuten Verspätung“, versetzte ihm seine Mutter.
Sie seufzte glücklich. Eileen wäre pünktlich gewesen, um sie abzuholen. Eileen wäre mit in der Busstation gestanden, hätte ihre Schwiegermutter geküsst und die kleine Rosie hätte ihr einen selbstgepflückten Blumenstrauß überreicht. Ach, ihre Enkeltochter …
„Macht nichts, Mum“, sagte Ronald, erneut auf ihre Sticheleien nicht eingehend. „Es ist ja nicht weit.“
Ich kann laufen“, erwiderte Mrs. Norris mit stoischem Ton und griff nach ihrem Koffer. „Als Tochter dieses Landes bin ich ans Laufen gewöhnt.“
Der Weg führte sie von der kleinen Busstation weg, geradewegs in die Weite des Valleys hinein. Es war ein schöner Abend, denn die Luft schimmerte des Sonnenuntergangs und die Bäume am Wegesrand und die Blumen in den Gärten leuchteten in prächtigen Farben.
Aber Mrs. Norris bemerkte nichts von alledem, denn ihre freudige Vermutung war inzwischen zur Gewissheit geworden. Die Niedergeschlagenheit ihres Sohnes konnte nur eins bedeuten: Diese Person namens Amy, seine Frau, diese Diebin und Zerstörerin einer glücklichen Ehe, war gerade dabei ihn im Stich zu lassen, und er wusste es.
Inzwischen hatten sie die letzten Häuser hinter sich gelassen und bogen nun in eine enge, von Bäumen beschattete, Nebenstraße ein. Ein Stückweit dahinter verborgen erhob sich eine alleinstehende Villa, die bestimmt bereits hundert Jahre alt war.
„Das nenne ich ein schönes Haus“, sagte Mrs. Norris.
„Es ist das einzige hier unten, außer dem unseren“, meinte Ronald und warf einen flüchtigen Blick darauf. „Eine Frau namens Lake wohnt da. Sie ist Witwe.“
„Schade, dass es nicht deins ist“, sagte seine Mutter mit bedeutungsschwerem Unterton. „Ist es noch weit?“
„Gleich hinter der nächsten Biegung. – Ich verstehe nicht, was mit Amy los ist“, sagte ihr Sohn und blickte sie nervös an. „Es tut mir sehr leid, dass du laufen musst, Mum.“
Sie war so verblüfft, dass er tatsächlich von der Gepflogenheit der Familie abwich und sich allen Ernstes für etwas entschuldigte. Er, ein Norris. Was hatte diese Frau nur aus ihm gemacht!  
Daher blieb sie sprachlos stumm, bis das Haus in Sicht kam. Eine leichte Enttäuschung beeinträchtigte ihre innere Befriedigung, denn es war ein annehmbares, wenn auch altes, Haus mit kleinen, roten Ziegeln und einem soliden Ziegeldach.
„Das ist es?“, kam es ihr mühsam über die schmalen Lippen.
Ronald nickte und öffnete ihr die Gartenpforte. Mrs. Norris bemerkte, dass in den ungepflegten Garten die Blumenbeete voller Unkraut und das Gras beinahe kniehoch waren. Unter einem vernachlässigt aussehenden Baum lagen verrottete Pflaumen.
Sie sagte nur: „Hmmm.“
Dieses undefinierbare Geräusch war typisch für sie und bedeutete, dass sich die Situation genau so entwickelte, wie sie es erwartet hatte. Ihr Sohn steckte den Schlüssel ins Haustürschloss und machte sie auf.
„Komm rein, Mum“, sagte ihr Sohn mit heiserer Stimme.
Er war jetzt eindeutig aus der Fassung geraten, daran bestand kein Zweifel mehr. Sie kannte seine Angewohnheit, die Lippen zusammenzupressen, während in der linken Wage ein kleiner Muskel arbeitete.
„Amy, wir sind da!“, klang in seiner Stimme ein barscher, nervöser Ton mit, als er ins Innere des Hauses rief.
Mrs. Norris folgte ihm ins Wohnzimmer. Sie traute kaum ihren Augen.
Wo waren die herumliegenden Kleidungsstücke, die sie erwartet hatte? Wo waren der Staub und die Krümel und wieso gab es nichts Liegengebliebenes auf dem Couchtisch? 
Mrs. Norris pflanzte sich in ihrer ganzen Rechteckigkeit auf dem fleckenlosen Teppich auf und drehte sich langsam um sich selbst. Sie suchte die Zimmerdecke nach Spinnweben, die Fenster nach Schmierflecken und die Aschenbecher nach vergessenen Zigarettenkippen ab.
Ein merkwürdiges, unangenehmes Frösteln überkam sie, denn sie fühlte sich wie ein gestandener Profi, der soeben gegen einen blutigen Anfänger verlor.
Da kam Ronald zurück und sagte: „Ich begreife nicht, wo Amy steckt! Sie ist nicht in der Küche und auch nicht im Garten. Ich sehe jetzt in der Garage nach, ob der Wagen da ist. – Gehst du schon mal rauf, Mum? Dein Zimmer ist das große, ganz hinten.“
Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass der Esstisch nicht gedeckt war und dass es in der makellosen Küche, wo die Gummihandschuhe fein säuberlich neben dem Abwaschbecken lagen, keinerlei Anzeichen für eine vorbereitete Mahlzeit gab, ging Mrs. Norris die Treppe hinauf.
Sie fuhr dabei mit einem Finger prüfend über die Bilderleiste auf dem Treppenabsatz. Doch kein Staubkorn, nichts: Als wäre das Holz frisch gestrichen.
Ihr Zimmer war ebenso makellos wie der Rest des Hauses. In dem aufgeschlagenen Bett konnte sie die buntgestreifte Bettwäsche sehen und eine mit Seidenpapier ausgelegte Schublade der Kommode war einladend herausgezogen worden. 
Mrs. Norris bemerkte das alles, aber nichts davon konnte ihren Hass, Amy gegenüber, mildern. Mochte ihre Schwiegertochter auch zu diesen Mitteln gegriffen haben, um sie damit zu beeindrucken, so hatte ihr schlimmer Fehler, nicht da zu sein um ihre Schwiegermutter zu begrüßen, diesen Versuch mehr als nur torpediert.
Sie ging ins Badezimmer, dass dem ihren angeschlossen war. Blank geputzte Fliesen, duftig saubere Handtücher, dazu Gästeseife …
Mrs. Norris verzog grimmig den Mund. Das Geld konnte doch nicht so knapp sein, wie Ronald es ihr immer weisgemacht hatte. Sie verabscheute diese Täuschung, doch eigentlich nagte sie daran, den beiden ihre angebliche Armut jetzt nicht vorhalten zu können.
Sie wusch sich die Hände und trat dann auf den Flur hinaus, um sich weiter im Haus umzusehen. Die Tür zum Schlafzimmer der beiden war nur angelehnt. Kurz zögerte sie, aber die Versuchung hineinzusehen und womöglich ein zerwühltes Bett, nebst einem Durcheinander billiger Kosmetikartikel vorzufinden, war einfach zu groß, um ihr zu widerstehen.
Vorsichtig trat sie ein. Das Bett war nicht zerwühlt, sondern ordentlich gemacht. Auf der Decke lag eine junge Frau mit dem Gesicht nach unten und anscheinend in tiefem Schlaf. Ihr dunkles, ziemlich ungepflegtes Haar bedeckte ihre Schultern und der linke Arm war weit ausgestreckt.
„Hmmm“, sagte Mrs. Norris wieder und jene warme Befriedigung strömte in sie zurück.
Hier lag Ronalds Frau und schlief, vielleicht war sie sogar betrunken. Sie hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht ihre Schuhe auszuziehen, ehe sie dort zusammengesackt war. Amy trug die gleichen Sachen, wie damals, an ihrem ersten und einzigen Mal, als sie bei ihrem Besuch derart unfreundlich zu ihrer Schwiegermutter gewesen war. Aber wahrscheinlich war sie immer so angezogen, denn sie trug abgenutzte Jeans und ein rotkariertes Hemd.    
Mrs. Norris dachte an Eileen, die immer hübsche Kleider trug, an deren kurzes, zu einer Dauerwelle frisiertes Haar, und daran, dass diese Schwiegertochter höchstens am Tag schlafen würde, wenn sie sterbenskrank oder halbtot wäre.
Sie trat näher ans Bett heran und sagte neuerlich: „Hmmm!“
Aber es passierte nichts und Mrs. Norris runzelte die Stirn, denn ihr, so typisches, Geräusch war dieses Mal eher warnend gewesen, um Amy gegenüber ihre Gegenwart kundzutun und bei ihr eine sofortige, beschämende Reaktion auszulösen.
Da ergriff Mrs. Norris der natürliche Zorn eines Menschen, der sich unerträglich beleidigt fühlte. Sie legte eine Hand auf die Schulter ihrer Schwiegertochter, um sie zu schütteln, aber sie tat es nicht. Denn das Fleisch des Nackens war eiskalt und als sie die Haarmähne anhob, sah sie eine bleiche Wange, aufgedunsen und bläulich.
Die meisten Frauen hätten geschrien, doch Mrs. Norris gab keinen Laut von sich. Ihr Körper wurde noch ein wenig kompakter und schrankähnlicher, als sie sich aufrichtete und die dicke, große Hand auf ihr pumpendes Herz legte.
Schon oft in ihrem langen Leben hatte sie den Tod gesehen, wie etwa den ihrer Eltern oder ihres Mannes, aber noch nie zuvor hatte sie gesehen, was das dunkelrote Mal auf diesem Nacken signalisierte: Nämlich Tod durch Gewalt. Aber sie empfand weder Triumph noch Furcht, denn sie fühlte nichts als den Schock. Schwerfällig ging sie aus dem Zimmer und begann die Stufen hinabzusteigen.
Ronald wartete am Fuß der Treppe. Als sie dann auf ihn zuging, die Hand auf seinen Arm legte und ihn mit verhaltener, zögerlicher Stimme ansprach, da war sie aller der Zärtlichkeit, die sie für ihren Sohn aufzubringen vermochte, so nahe, wie es ihr möglich war. Und sie benutzte die einzigen Worte, die sie wusste, um eine solche Hiobsbotschaft zu überbringen.
„Es ist ein Unfall geschehen“, begann sie ruhig. „Geh am besten hoch und sieh es dir an. Es ist … es ist zu spät, um irgendetwas zu tun. – Versuch es wie ein Mann zu nehmen.“
Ronald stand ganz still und sagte nichts.
„Sie ist gestorben. Deine Frau ist tot“, wiederholte sie die Worte, denn er schien sie nicht zu begreifen. „Amy ist tot, mein Sohn.“
Sie empfand das vage, ihr unangenehme Gefühl, dass sie ihn umarmen oder ein paar liebevolle Worte sagen müsste, aber sie hatte seit langem vergessen, wie man das machte. Außerdem zitterte sie jetzt und ihr Herz pumpte unregelmäßig.
Ronald war weder blass noch rot geworden. Beherrscht ging er an seiner Mutter vorüber und stieg die Treppe hinauf. Sie stand wartend da, zu nichts fähig, rieb die Hände gegeneinander und zog die Schultern nach vorn.
„Ruf die Polizei an, Mum“, rief er mit rauer, aber ruhiger Stimme von oben herab. „Sag ihnen, was passiert ist.“
Mrs. Norris war froh, etwas tun zu können, also nestelte sie ihr Handy aus der Handtasche und wählte mit 911 den Polizeinotruf. Nach dem Anruf überlegte sie kurz, ehe sie Mr. Google bemühte und sich dort die Telefonnummer eines Privatdetektivs heraussuchte, den sie von früher her kannte.


 

 

 

 


Leo King

Die spannende Sex and Crime – Romanheftreihe

Seit geraumer Zeit zitterten die Menschen dieser Stadt vor den Taten einer heimtückischen Kidnapperbande, die sie in Angst und Schrecken versetzte. Die Zeitungen hatten ihnen den reißerischen Namen Puppenräuber verpasst, weil die leidvoll betroffenen Opfer dieser Bande durchwegs jung, blond, hübsch und weiblich waren. Schließlich ging es hier um Entführung und wahrscheinlich auch skrupellosem Menschenhandel, denn die Frauen verschwanden einfach von der Bildfläche und tauchten nicht mehr wieder auf. Die Täter gingen dabei äußerst raffiniert vor und hinterließen kaum verwertbare Spuren, was ein erfolgreiches Aufgreifen dieser Bande sehr schwierig machte. Die Polizei war ratlos und ihre Statements äußerst dürftig. Man habe eine Sonderkommission gebildet, mit dem Ziel diese Puppenräuber in Bälde zu fassen, hieß es knapp und wortkarg, doch in der Stadt brodelte es und man konnte förmlich riechen, dass sich die Ermittlungsbeamten im Kreis drehten. Sie jagten ein Phantom und die Leute wussten es. Darum wandte sich Captain Herberts vom Police Departement hilfesuchend an einen Mann, der früher selbst einmal die Cop-Uniform getragen hatte und die dunklen Viertel dieser Stadt und seine Gestalten bestens kannte, weil er längst einer der ihren geworden war. Leo King war nämlich Privatdetektiv und darauf spezialisiert, in schmutzigen Geheimnissen anderer Leute herumzuschnüffeln und manches davon ans Licht zu bringen. Um ihn zu finden benötigte man nicht unbedingt einen Termin, denn meistens hing er sowieso am Tresen seiner Stammkneipe, des Christies, herum. Im Augenblick aber hatte Leo keinen Klienten und sein Konto war wie immer bereits stark überzogen. Er durfte also nicht wählerisch sein und musste deshalb annehmen, was er kriegen konnte. Und so geriet er in die Turbulenzen mit Miss Lola und Ted Keene, einem blutigen Saxophon und einer Garderobenfrau, die damit erschlagen wurde …



Gedankensplitter 2

Buchrückentext aus dem Kurzgeschichtenband "Gedankensplitter 2"

Der Autor und Musiker Christian Hinterauer schreibt bereits seit seiner Jugend. Dieser Umgang mit Schrift und Papier, Noten und Klängen ließ ihn seither nicht mehr los, sondern begleitete ihn fortan beruflich wie privat durch sein Leben. Denn es gibt nichts Schöneres, wenn sich Töne und Wörter in einem bilden, zu wachsen beginnen und sich schließlich zu einem schönen Ganzen zusammenfügen. Es ist ein kreativer Wasserfall, der hoffentlich niemals versiegt. Bestärkt und beseelt von dieser inneren Kraft ist es zu seiner Passion geworden, das was ihn bewegt in Geschichten und Liedern zum Ausdruck zu bringen und mit all jenen, die sich darauf einlassen wollen, uneingeschränkt zu teilen. In diesem Kurzgeschichtenband finden sich also vielerlei Gedanken und Themen, die Hinterauer zu Papier gebracht hat. Sie reichen von seinem Faible für das abenteuerliche Mittelalter, über die bunte Vielfalt des gar nicht so grauen Alltags, dem Betreten jener verschwiegenen Gassen der sündigen Stadt Erotica, bis hin zum tiefen Kramen in der Beziehungskiste. Gedankensplitter eben, denn seine Fantasie kennt keine Grenzen.

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Rehbraunfarben

Leseprobe aus dem Kurzgeschichtenband "Gedankensplitter 2"
Ein Gedankensplitter über einen charmanten Augenzauber, der eiserne Prinzipien ins Wanken bringt und plötzlich Dinge geschehen lässt, die bislang eigentlich unvorstellbar gewesen waren. Ein Tagtraum der besonderen Art.

Mit kräftigen Armbewegungen schob Markus den Rasenmäher durch den Garten.
Rasant kurvte er dabei mit dem knatternden Grasvertilger zwischen den zahlreichen Blumenarrangements herum. Zum Glück hatte Claudia alles mit Rasensteinen eingefasst, also konnte nichts schiefgehen und er somit keinen größeren botanischen Flurschaden anrichten.
Markus grinste fröhlich.
Bis vor kurzem war das Gefahrenpotential hier noch um einiges höher gewesen, denn da war es durchaus vorgekommen, dass er manchmal nicht nur das Gras allein niedergemäht hatte.
Ihm dabei aber böse Absicht zu unterstellen wäre unfair gewesen, denn er besaß nun mal eben keinen grünen Daumen wie seine Frau. Für ihn sahen nämlich alle Gräser und Kräuter irgendwie gleich aus, doch Claudia hatte reagiert und ihr Reich jetzt quasi idiotensicher gemacht.          
Immer wieder fuhr sich Markus mit dem Arm über die schwitzende Stirn. Obwohl es noch früher Vormittag war, brannte die Sonne schon ordentlich vom Himmel herunter.
Bestimmt wäre es jetzt am Badeplatz angenehmer, doch heute kamen die Freundinnen von Claudia zu Besuch und er hatte ihr versprochen, den Rasen zu mähen, damit die Damenrunde im Grünen sitzen konnte.
Schließlich war die Arbeit getan und der Rasen auf dem Centercourt in Wimbledon präsentierte sich bestimmt auch nicht gepflegter.
Markus hatte, wie von seiner Claudia verlangt, den Grasschnitt unter die Sträucher gegeben und nachdem er den Rasenmäher gesäubert hatte, war endlich Feierabend. Ein wenig abgekämpft schlurfte er ins Haus und begab sich unter die Dusche.
Da es gegen Mittag zuging, holte er sich ein Bier aus dem Kühlschrank und schob eine Tiefkühlpizza ins Rohr. Um die Wartezeit darauf zu überbrücken, stellte er den Fernseher an und warf sich auf die Couch. Markus war noch gar nicht richtig zum Durchzappen gekommen, als es an der Haustür läutete.
Nanu, wer konnte das denn sein! Der Briefträger jedenfalls nicht, denn diesem war er zuvor bereits begegnet.
War Claudia etwa schon vom Einkaufen zurück?
Markus öffnete die Haustür und staunte nicht schlecht, denn vor ihm stand eine junge Frau. Sie trug ein helles Sommerkleid und ihre nackten Füße steckten in brauen Sandalen.
Langes, welliges Haar umrahmte ein hübsches Gesicht, das ihn freundlich anlächelte. Doch am hellsten strahlten ihre rehbraunfarbenen Augen, in denen sich das Sonnenlicht zu spiegeln schien.
„Hallo!“, sagte sie mit warmer Stimme. „Hätten Sie ein paar Minuten Zeit für mich?“
„Worum geht’s denn?“, fragte Markus, obwohl er schon ahnte, worauf dieser Überfall hinauslief.
Abschätzend musterte er sein Gegenüber und die braune Umhängtasche, die an ihrer Schulter hing.
Bestimmt war dieses Fräulein da eine von der Sorte, die von Haus zu Haus zog, um den Leuten irgendetwas anzudrehen. Trotzdem passte sie nicht so recht zu denjenigen dieses Schlages, die sonst auf seiner Fußmatte herumtrampelten, denn auf den ersten Blick gesehen wirkte sie eigentlich ganz nett.
Vielleicht sogar ein wenig zu nett. 
Denn eine alternativ angehauchte, strickjackentragende Ökö-Tante von Greenpeace sah anders aus und für eine Bibeltreue von den Zeugen Jehovas kam sie Markus einfach zu wenig streng konservativ oder staubtrocken bieder vor.
Vielleicht war die Kleine da von einem Lesezirkel oder Amnesty International oder sie wollte ihm als arme Kunststudentin eines ihrer selbstgemalten Bilder verkaufen.
Jedenfalls war dieses Fräulein nicht nur zum freundlich Hallo-Sagen vorbeigekommen und das bewies sie ihm auch sogleich.
„Ich bin von der Österreichischen Rettungshundebrigade“, legte sie mit eifrigem Tonfall los. „Sie werden bestimmt schon von uns und unserer Arbeit gehört haben. Die Aufgabe der ÖRHB ist die Suche nach verschütteten, verletzten oder verirrten Personen, sowie die nachfolgende Erste Hilfe-Stellung. Auch sind wir in der Katastrophenhilfe im In- und Ausland beteiligt.“
Also doch so eine, dachte sich Markus und legte wenig begeistert darüber seine Stirn in Falten.
Sie aber warf ihm einen überzeugten Blick aus ihren rehbraunfarbenen Augen zu und kramte dann geschäftig in ihrer Umhängetasche herum.
Bevor Markus dazu kam den Mund zu öffnen, hielt sie ihm bereits einen bunten Folder unter die Nase.
„Hier, bitte sehr, ein wenig Informationsmaterial“, fuhr sie erklärend fort und begann das Heftchen aufzuschlagen. „In dieser Broschüre finden Sie alles über die Ausbildung unserer freiwilligen Rettungshundeführer und Helfer, sowie deren vierbeinigen Suchhunden. Wir hoffen Ihnen so einen kleinen Einblick in unsere Arbeit bieten zu können und wünschen viel Spaß beim Durchblättern.“
Markus beugte sich ein wenig näher an dieses Fräulein heran, während er den Folder entgegennahm. Dabei erhaschte seine Nase einen Hauch vom Duft ihres zarten Parfüms oder waren es ihre Haare, die so gut rochen?
Verstohlen glitt sein Blick vom kleinen Muttermal an ihrem Hals aufwärts über ihr lächelndes Gesicht und blieb schließlich an ihren rehbraunfarbenen Augen hängen, die ihm offen und ohne Scheu entgegenblickten.
„Natürlich kostet das alles Geld und wir von der ÖRHB sind darum auf Ihre Hilfe angewiesen“, hörte er das Mädchen wie von weitem sagen. „Unterstützen auch Sie deshalb unsere Rettungshundeteams mit Ihrer Spende. Es ist ganz einfach und kostet auch nicht viel. Wenn Sie möchten, erkläre ich Ihnen die Zahlungsmodalitäten!“
Normalerweise hätte Markus spätestens jetzt die Bremse gezogen und dieses Gespräch, dass auf das Übliche hinauslief, mit ein paar kurz angebundenen Worten beendet, um anschließend seinem Gegenüber die Tür vor der Nase zuzuschlagen, doch er tat es nicht. Stattdessen versank sein Blick in der samtenen Tiefe ihrer rehbraunfarbenen Augen.
Das Fräulein redete und erklärte, doch er hörte nur mit halbem Ohr zu.
Seine eigentliche Aufmerksamkeit galt indessen ihrer Erscheinung, die ihm immer besser gefiel. Sie wurde Markus zusehends sympathischer und ihr bezauberndes Wesen hatte ihn längst gefangen genommen, ja sogar ein klein wenig verhext.
Dieses Mädchen war so erfrischend natürlich und unbefangen, dass er gar nicht glauben konnte, dass sie in Wahrheit eigentlich auch nur eine von diesen süßholzraspelnden Spendenkeilerinnen war.
Denn die Tatsache, dass sie ihm Geld aus der Tasche ziehen wollte, lag derart offensichtlich auf der Hand und sie machte eigentlich gar kein Hehl daraus, aber konnten diese schönen Augen wirklich so hinterhältig und gemein sein?
Wieder tauchte er in den Blick ihrer rehbraunfarbenen Augen ein. Dort war und fand er so viel, dass ihm Ruhe und Wohlsein brachte.
Träumerisch streifte Markus durch das bunte Farbenkleid eines herbstlichen Waldes und atmete die frische Luft, während seine Füße durch den laubbedeckten Boden raschelten. Er sah die Sonne durch das Blattgewirr der Bäume funkeln, Tautropfen gleißten auf fein gesponnenen Spinnweben und von irgendwoher erklang das helle Lachen einer Frau.
Alles war so friedlich und voller Schönheit, dass er gar nicht mehr von dort fort wollte.   
Markus kannte sich selbst kaum wieder.
War hier etwa eine Art Feenzauber im Gange oder warum fühlte er sich sonst so tiefenentspannt. Eingelullt und betört von ihrer freundlichen Ausstrahlung tat er etwas, dass ihm sonst niemals eingefallen wäre.
Beinah wie in Trance griff er großherzig zum Stift und unterschrieb das Formular, welches sie ihm hinhielt.
Gleich darauf hatte das Mädchen alles in ihrer Umhängetasche verstaut und wandte sich zum Gehen.
„Vielen Dank im Namen der Österreichischen Rettungshundebrigade. Sie werden Ihre Großzügigkeit nicht bereuen“, hörte er sie sagen. „Schönen Tag noch! Vielleicht sieht man sich ja mal wieder!“
Das Fräulein schenkte ihm zum Abschied ein bezauberndes Lächeln und ihre rehbraunfarbenen Augen leuchteten dabei mit der Sonne um die Wette. Dann sprang sie leichtfüßig und mit wehendem Rock die paar Stufen zur Straße hinunter und verschwand schließlich zwischen den Häusern seiner Nachbarschaft.
Markus sah ihr noch eine Weile hinterher, ehe er langsam wieder aus seiner träumerischen Stimmung erwachte. Erst jetzt fiel sein Blick genauer auf das unterschriebene Formular und gleich darauf wäre er am liebsten in einen Schreikrampf verfallen.
Worauf hatte er sich denn da eingelassen! Claudia würde ihm dafür bestimmt ordentlich den Kopf waschen!
Diese Gelegenheit dafür ergab sich bereits wenig später, nämlich, als seine bessere Hälfte vom Einkaufen zurückkam und das Formular in die Hand nahm.
„Was ist denn in dich gefahren! Du bist ja auf einmal die Großzügigkeit in Person!“, monierte seine Frau leicht sarkastisch. „Fünf Euro monatlich und das gleich vertraglich gebundene zehn Jahre lang! Hätte ich mir nicht gedacht, dass dich wirklich mal jemand zum Spenden rumkriegt! Sag, wer hat das geschafft: Irgend so eine hübsche Puppe vielleicht?“
Typisch Claudia! War er denn wirklich so leicht zu durchschauen?
„Ach, weißt du, da war so ein Kerl, der hat derart überzeugend geredet, dass ich mich eben von ihm breitschlagen ließ!“, brummte Markus. „Kommt unter Garantie nicht wieder vor!“
Seine Frau ließ es damit bewenden und wandte sich kopfschüttelnd anderen Dingen zu. Markus aber schloss kurz die Augen und sogleich sah er das sympathische Fräulein wieder vor sich.
Roch den Duft ihres zarten Parfums, lauschte dem freundlichen Tonfall ihrer Stimme und ging erneut durch diesen bunten Wald, in dem er so viel Frieden und Ruhe fand.
Wieder läutete es an der Haustür, doch dieses Mal waren es die Freundinnen, die zu seiner Claudia auf Besuch kamen. Grinsend und etwas erleichtert darüber warf sich Markus neuerlich auf die Couch.
Noch einmal würde er sich nicht rumkriegen lassen, aber gegen die sanfte Magie dieser rehbraunfarbenen Augen hatte selbst sein standhaftes Verweigern, das er diesen Spendenkeilern stets gegenüber brachte, nichts entgegenzusetzen gehabt.
Trotzdem hielt sich sein Unmut in Grenzen, denn schließlich hatte er etwas viel Schöneres von diesem bezaubernden Wesen erhalten.
Nämlich einen wunderbaren Tagtraum, der nur ihm gehörte und hoffentlich noch lange in seinem Kopf lebendig blieb.
Doch davon brauchte Claudia nicht unbedingt etwas zu erfahren.



 

 


Gedankensplitter

Buchrückentext aus dem Kurzgeschichtenband "Gedankensplitter"

Wenn man hobelt, fallen Späne, heißt es in einem Sprichwort. Umgelegt auf die Person von Christian Hinterauer könnte man sagen: Wenn er schreibt, dann fallen Splitter. Genauer gesagt, Gedankensplitter. Seine Kurzgeschichten, die ihn schon sein halbes Leben lang begleiten, spannen einen großen Bogen und lassen dabei auch ein wenig in das Innere des Autors blicken. Von amüsant bis nachdenklich, heiter wie auch skurril, ernst und bissig, träumerisch oder erotisch – die Palette ist bunt und Hinterauer nimmt sich dabei kein Blatt vor den Mund. Gewürzt mit Illustrationen befreundeter Künstler entstand ein lebhafter Erzählband, der jedes neugierige Augenpaar durch die unendlichen Weiten der gedanklichen Fantasiewelt des Autors führt. Gehen Sie mit auf die Reise und erleben Sie seine Gedankensplitter aus ihrem persönlichen Blickwinkel. Was kann da noch schiefgehen!

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Nachtgeschichten

Leseprobe aus dem Kurzgeschichtenband "Gedankensplitter"
Der Großteil dieser Geschichte spiegelt einen Hauptschulaufsatz aus dem Jahr 1974/75 wieder. Seine Bilder blieben in mir so nachhaltig haften, dass es mir vor einigen Jahren ein Bedürfnis war, diese Geschichte noch einmal aufzugreifen und fertigzustellen. Die Zeichnung dazu stammt von meiner Tochter Angelika, deren Finger es geschickt verstehen, mit wenigen Strichen ein ausdrucksstarkes Bild entstehen zu lassen.

Na bravo! Paul wälzt sich ärgerlich im Bett herum. Tiefste Nacht und ich kann immer noch nicht einschlafen. Dabei muss ich doch morgen früh zeitig raus!
Passiert mir eigentlich ganz selten, dass ich nicht zur Ruhe komme, denkt er sich verdrossen und ist auf sich selber ein wenig böse.
Habe ich vielleicht doch zu viel Kaffee getrunken? Eher kaum, das macht mir normalerweise gar nichts aus. Könnte ich literweise trinken, das Zeugs. Das montone Ticken des Weckers kann es auch nicht sein, eigentlich höre ich das gar nicht mehr, außer ich versteife mich darauf, was manchmal vorkommt. Dafür reißt mich sein lärmendes Gebimmel jeden Morgen gnadenlos aus den schönsten Träumen.
Paul liegt da und grübelt vor sich hin. Der fahle Schimmer des Vollmondes fällt in sein Zimmer und ein langer, breiter Lichtstreifen zieht sich quer über seine Bettdecke bis hin zur Wand, um dort in einem beinah fenstergroßen Bild zu enden.
Jetzt habe ich endgültig genug, denkt sich Paul und steht auf.
Er zieht sich an und beschließt einen kleinen Nachtspaziergang zu unternehmen. Das ist nichts Besonderes und macht er eigentlich immer, wenn er nicht schlafen kann.
Er verlässt das Haus, greift in seine Tasche und zündet sich eine Zigarette an. Paul nimmt einen ersten, tiefen Zug und lässt genussvoll den warmen Rauch durch seine Nase strömen. Die Nacht ist angenehm lau und der Himmel sternenklar.
Das sind meine Nächte, so liebe ich sie, denkt er sich und da er noch immer keine Müdigkeit verspürt, marschiert er einfach los.
Gedankenverloren geht er durch die Dunkelheit und streunt ziellos durch die Gassen. Plötzlich reißt es ihn aus seinen tiefen Gedanken, er hebt den Kopf und blickt sich verwundert um. Er muss wohl weiter als beabsichtigt gegangen sein, denn die Gegend hier kommt ihm gänzlich unbekannt und einsam vor. Er steht zwar auf einer beleuchten Straße, jedoch ist weit und breit keine Menschenseele oder Haus zu sehen.
Da habe ich mich aber ordentlich verlaufen, denkt sich Paul und blickt sich suchend um.
Zum Glück tauchen auf einmal die Lichtkegel eines Scheinwerferpaares auf, das sich ihm nähert. Sie werden rasch größer und Paul sieht mit spürbarer Erleichterung ein Auto auf sich zukommen. Wow, es ist eine dieser langen, schwarzen Limousinen, wie man sie sonst nur aus den Filmen kennt.
Steiles Promigefährt, soll ich es wagen? Aber sicher doch!
Er tritt in den Schein der nächsten Straßenlaterne und winkt mit beiden Händen.
Gottlob, der Wagen hält und Paul nähert sich der Fahrertür. Er beugt sich hinunter und will gerade fragen, ob er ein Stück des Weges mitfahren kann, als sich das Wagenfenster einen kleinen Spalt öffnet. Aus dem dunklen Inneren erklingt eine Stimme und der hohle, leblose Bass lässt Paul merklich erschauern.
"Steigen Sie ein!"
Paul beugt sich weiter vor und will einen genauen Blick auf den Sprecher dieser Worte werfen, doch der Versuch bleibt ihm verwehrt, da die Limousine getöntes Fensterglas besitzt. Sogar am Tag wäre er da blind wie ein Maulwurf gewesen.
"Einsteigen, ich warte nicht ewig!", erklingt es nun ziemlich unverschämt fordernd.
Aber ich habe doch noch gar nichts gesagt, denkt sich Paul verwundert und das ungute Gefühl in seiner Magengegend verstärkt sich.
Es ist nämlich nicht unbedingt seine Art in wildfremde Autos zu steigen, schon gar nicht zu so einer späten Stunde. Aber da ich mich nun einmal verlaufen habe, werde ich wohl über meinen Schatten springen müssen. Denn ohne die Hilfe durch diesen Wagen muss ich wahrscheinlich sonst den ganzen Weg den Rest der Nacht zurück marschieren.
"Steigen Sie endlich ein!"
Der leblos klingende Bass ertönt abermals und reißt Paul aus seinen lethargischen Überlegungen. Kurz entschlossen öffnet er die Tür hinter dem Fahrer und steigt ein.
Er lässt sich mit einer unverschämten Lässigkeit auf die weich gepolsterte Rückbank der Limousine fallen, unterdrückt mit Gewalt das in ihm aufkeimende Stargehabe und fragt höflich, weil gut erzogen, in Richtung Chauffeur: "Könnten Sie mich bitte zur Stadt mitnehmen? Ich habe mich nämlich blöderweise in der Dunkelheit verlaufen und dabei etwas die Orientierung verloren. Dafür wäre ich Ihnen echt dankbar."
Der Fahrer nickt nur, spricht jedoch kein Wort. Schwein gehabt, denkt sich Paul und reibt sich zufrieden die Hände.
Mehr höflichkeitshalber, in Wahrheit jedoch seine Nervosität hinter der nagenden Unsicherheit zu verstecken versuchend, bemüht er sich mehrmals mit dem Mann ins Gespräch zu kommen, doch dieser zeigt keine Bereitschaft, ihm zu antworten.
Scheint ein ziemlich einsilbiger Kerl zu sein, denkt sich Paul. Bei den oberen Zehntausend ist wohl noble Zurückhaltung gefragt.
Um sich von seinen leichten Panikattacken abzulenken, sieht er sich im Wagen etwas genauer um. Paul ist, trotz der Dunkelheit, fasziniert von der Größe und Ausstattung dieser Limousine. Reich und prominent müsste man sein, dann gehört dieser Luxus zum täglichen Standard.
Ich werde die paar Kilometer nach Hause genießen, denn wer weiß, ob ich jemals noch einmal diese Vergnügen haben werde. Sacht streichen seine Finger über die weiche Polsterung und das edle Holz. Seine Betrachtungen nehmen ihn dermaßen in Anspruch, dass er ganz auf die Zeit vergisst.
Als Paul wieder einmal aus dem Fenster sieht, bemerkt er zu seinem Schrecken, dass es draußen keinerlei Beleuchtung mehr gibt, weder von der Straße, geschweige denn der hellen Lichter der Stadt. Wo fährt mich denn der Kerl nur hin?, denkt er sich erschrocken und lässt alle Zurückhaltung fallen.
Als er den Chauffeur mehrmals darauf anspricht und noch immer keine Antwort erhält, packt ihn die helle Angst. Der will mich entführen oder weiß Gott was mit mir anstellen, denkt sich Paul entsetzt. Die Zeitungen sind doch täglich voll von solchen Geschichten. Schreckliche Gedanken rasen durch seinen verstörten Kopf.
Er stößt die Wagentür auf, was bei der hohen Geschwindigkeit gar nicht so einfach ist, da der Fahrtwind mächtig dagegen drückt. Mutlos und verzweifelt starrt er in die rabenschwarze Nacht. Was treib ich Wahnsinniger da nur, hab ich den Verstand verloren? Ich bin schließlich doch kein Stuntman, der hier irgendwelche gefährliche Spielchen durchzuführen hat!
Schon will Paul die Tür wieder zuziehen, als der Fahrer ein dumpfes Lachen von sich gibt, dass ihm beinahe das Blut in den Adern stocken lässt. Immer wieder lacht der Kerl und es scheint kein Ende nehmen zu wollen.
Paul hält inne. Noch immer bläst der Fahrtwind in sein Gesicht, doch es schreckt ihn nicht mehr, denn er bemerkt es nicht einmal. Sein Hirn hat längst aufgehört zu arbeiten. Pure Verzweiflung überwindet alle Angst und sein blankes Entsetzen ist tausendmal stärker als die Furcht, die sein Herz umklammert. Also springt er, ohne länger nachzudenken, aus dem Wagen hinaus in die Dunkelheit. Schwer schlägt sein Körper auf dem Boden auf und rollt ein kleines Stück einen Abhang hinunter. Stöhnend richtet er sich auf und reibt seine linke Schulter, die höllisch schmerzt.
Vorsichtig tappt Paul den Hang hinauf zur Straße, jederzeit darauf gefasst, das Quietschen bremsender Reifen zu vernehmen. Doch zu seinem Erstaunen fährt die Limousine einfach weiter und verschwindet schließlich in der Dunkelheit.
Dass der Fahrer meinen Ausstieg nicht mitbekommen hat, ist schon eigenartig, denkt er sich und ist doch froh darüber, dass alles so glimpflich ausgegangen ist.
Über aller Anspannung, die nun langsam verfliegt, siegt schließlich die Coolness.
So eine Scheiße, murrt er. Stellt sich nun die alles entscheidende Frage, wo ich jetzt gelandet bin. Wahrscheinlich mitten in der Pampa!
Seine Augen haben sich inzwischen an das Dunkel gewöhnt und so sieht er sich neugierig um. Da scheint es ihm, als ob sich in einiger Entfernung die Umrisse eines Hauses befänden.
Langsam geht er darauf zu ...

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