Johannes Hemetsberger
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Mein ganz persönlicher Blickwinkel

Irgendwelche kleine Geschichten geisterten schon immer in meinem Kopf herum und wuselten durch die unendlichen Weiten meiner Gedankenwelt. Irgendwann in der zweiten Hälfte meiner Hauptschulzeit begann ich dann meine träumerischen Ideen niederzuschreiben, indem ich ganze Hefte füllte. Ganz egal, ob ich nun irgendwelche Wesen mit den sonderbarsten Namen erfand oder Fantasieländer mit abenteuerlichen Völkern bevölkerte, ich war immer mit Feuereifer bei der Sache. Angestachelt durch die Sagen des klassischen Altertums oder jener der Nordländer, deren Geschichten ich mit Begeisterung verschlang, wurden meine Gedanken von einer Zeit beflügelt, deren zauberhafte Magie es versteht, mich noch heute zu betören. Wer die Abenteuer meines Guraners gelesen hat wird erahnen können, was ich meine. Doch mit dem Heranwachsen und Älterwerden kamen plötzlich auch andere Sachen zur Sprache, Dinge, die mich beschäftigten und darauf brannten, niedergeschrieben zu werden. Die Palette war groß und ist es noch immer, reicht sie doch von Liebe und Schmerz, Lachen und Weinen, über Freude und Leid bis hin zum Tod und der Frage, ob das denn alles war. Kurzum: Alles Themen, die ständig präsent sind, weil sie unaufhörlich wiederkehren und uns somit das ganze Leben lang begleiten. Man sagt zwar, dass der Mensch mit dem zunehmenden Alter gelassener und ein wenig weiser würde, doch auch, dass er liebgewonnene Gewohnheiten beibehalten sollte. Darum schreibe ich noch immer vieles davon auf, was ich sehe, erlebe und mir bewegend durch den Sinn geht, denn alles ist im Fließen und die Zeit bleibt ohnehin nicht stehen.



Die Geschichte des Monats

In dieser Rubrik erlaube ich mir in regelmäßigen Abständen eine kleine Geschichte zu veröffentlichen.

Die verzweifelte Frau, die eines Morgens in seiner Bürotür stand, war eine Obdachlose. Sie wäre ein Lady Bird, ein unglücklicher Pechvogel, und wegen ihrer Kinder hier. Schließlich erfuhr Leo von dieser merkwürdigen Person, dass es sich dabei um die Johnson-Kinder handelte, die vor Jahren im Mittelpunkt einer aufsehenerregenden Scheidungsaffäre gestanden hatten, und jetzt von ihrer Stiefmutter entführt worden waren, die nun aber tot war. Behauptete zumindest diese obdachlose Frau, die angeblich leibliche Kindesmutter, und Leo, der solchen Geschichten schwer widerstehen konnte, machte sich auf eine ungewöhnliche Suche nach diesen Johnson-Kindern.
Ein kleiner Auszug aus dem neuesten Band meiner Krimi-Reihe Leo King. Leo King.

Lady Bird

„Ich bin wegen der Kinder hier.“                                             
Die Frau, die in der Schwelle der Bürotür stand, wirkte verzweifelt. Leo war sie völlig unbekannt und seine Sekretärin Jennifer, die hinter ihr stand, zuckte ebenfalls etwas hilflos mit den Schultern.
Es war neun Uhr morgens und dazu noch Samstag, also eine ungewöhnliche Zeit einem Privatdetektiv einen Besuch abzustatten. In Wahrheit hatte die Besucherin ziemliches Glück, denn normalerweise hätte sie heute gar niemanden angetroffen, doch die jährliche Steuererklärung stand an und Leo und Jennifer hatten sich vorgenommen, diesen Kram heute in aller Ruhe anzugehen.
Leo musterte die Frau. Er hatte keine Kinder und seine junge Sekretärin ebenfalls nicht, also überlegte er, wessen Kinder sie gemeint hatte und warum sie ihm das erzählte. Natürlich, so dachte er, stand diese ihm Fremde in der falschen Tür und im falschen Haus.
„Ich komme wegen der Kinder.“
Die Frau keuchte ein wenig, als sie die Worte wiederholte.
Kein Wunder, sein Büro, dass eigentlich nur aus zwei Zimmer bestand, befand sich praktischerweise im obersten Stock des Christies, seiner Stammkneipe. Aber ihr Aussehen war befremdlich, ja bei näherer Betrachtung sogar schmuddelig und fleckig wie jemand, der auf der Straße lebte.
Es war bestimmt so, denn ihr wetterfester Regenmantel, dessen Gürtel fehlte, musste einmal heller gewesen sein, ebenso wie die uralten, rissigen Turnschuhe samt den dicken Wollsocken. Das dünne, dunkle Leid, dessen Saum herunterhing, schien auf den ersten Blick passend für eine viel ältere Frau zu sein, aber dann entdeckte Leo, dass es einfach schon sehr abgetragen war. Einzig die braunen Haare verrieten einen Hauch von Pflege, denn sie waren immerhin gebürstet. Es hing ihr, wie eine Jungmädchenfrisur, kurz und glatt an beiden Seiten herunter.
Die Frau, die Leo gegenüberstand, war allem Anschein nach eine Obdachlose und dieses Bild verfestigte sich, denn als sie unsicher einen Schritt nähertrat, klirrten Flaschen in einer braunen Papiertüte, die sie bei sich trug. Dass deren Inhalt bestimmt aus alkoholischen Zutaten bestand, war kein Klischee, sondern eher die Wahrheit.
„Sie sind doch Leo King, der Privatdetektiv? Sie müssen mir helfen“, brachte sie schwer atmend hervor und wiederholte zum dritten Mal: „Sehen Sie, ich bin wegen der Kinder hier.“
Leo runzelte die Stirn.
Allem Anschein nach wollte diese Frau da wirklich zu ihm, was aber nicht weiter verwunderlich war. Schließlich bestand seine Kundschaft durchwegs aus Leuten hier aus dem Viertel, also Menschen, die zum Teil selbst was Krummes stecken hatten und kaum Knete besaßen, um ihn ordentlich zu bezahlen Dafür war Leo authentisch, quasi einer von ihnen und die Leute hatten deshalb keine Berührungsängste, zu ihm zu kommen.
Trotzdem, an einem Samstag und um diese frühe Uhrzeit, noch vor der ersten Tasse Kaffee, mit einem solchen wirren Ansinnen zu ihm zu kommen, war nicht gerade klug. Diese Unbekannte schien eher eine Sozialarbeiterin zu brauchen, als einen Privatdetektiv. Nun, wenigstens dem Kaffeemangel konnte abgeholfen werden.
„Goldstück, machst du uns einen starken Kaffee?“, sagte er zu seiner Sekretärin und etwas ungehalten zu der Frau: „Bitte nehmen Sie doch Platz!“
Während der blonde Wuschelkopf diensteifrig im Nebenzimmer verschwand, blickte Leo auf sein Gegenüber, dass jetzt einen noch desolateren Eindruck auf ihn machte. Plötzlich lehnte sich die Frau nach vor, schlug die Hände vors Gesicht und begann lauthals und unkontrolliert zu schluchzen. Mit leichtem Ekel bemerkte Leo, dass sie dreckige Fingernägel hatte.
Also war eine Stärkung jetzt nicht nur wünschenswert, sondern auch unbedingt nötig. Darum griff er in die Schublade seines Schreibtischs und zog eine angebrochene Flasche Wodka hervor. Als kurz darauf Jennifer den frisch gebrühten Kaffee brachte, gab er in die beiden Tassen einen ordentlichen Schuss davon hinein und fertig war der Absolute Pears, sein Lieblingskaffee.
Diese Aktion trug ihm ein missfallendes Stirnrunzeln seiner Sekretärin ein, bevor sie sich zurückzog. Der freundliche, fleißige Wirbelwind war gerade mal junge Zweiundzwanzig und arbeitete seit fast zwei Jahren für ihn. Ohne den blonden Wuschelkopf ging praktisch gar nichts, denn sie brachte Ordnung in sein berufliches Chaos. Kurzum: Jen war jenes solide Fundament, auf dem Mr. King seine Sandburg namens Detektei errichtet hatte.
Leo aber hatte mit seinem Absolute Pears anscheinend den richtigen Brustlöser gefunden, denn nach einigen kräftigen Schlucken begann die Frau zu reden. Und wie, denn keine zehn Minuten später lauschte er einer höchst seltsamen Geschichte und sein Gegenüber, die sie erzählte, stellte sich als Claudia Johnson vor.
„Ja, ich heiße genauso wie die Präsidentengattin, die damals die Treppe hinunterfiel und daran starb“, erklärte ihm die Frau. „Denn ich bin mindestens so ein Lady Bird, ein unglücklicher Pechvogel, wie sie. Und außerdem weiß ich nicht mehr weiter.“
Leo zog angesichts dieser historischen Ungenauigkeit die Augenbrauen in die Höhe, denn seines Wissens nach stimmte hier so gut wie gar nichts.
Mit der Präsidentengattin meinte die Frau wahrscheinlich Claudia Alta Johnson, die tatsächlich den Spitznamen Lady Bird trug. Dieser stammte aus ihrer Säuglingszeit, denn ein Kindermädchen sagte damals über sie, dass sie so hübsch wie ein Marienkäfer, also ein Lady Bird, sei. Allerdings war nicht sie die Treppe hinuntergestürzt, sondern ihre schwangere Mutter, die an den Folgen einer Fehlgeburt starb. Lady Bird Johnson selbst wurde stolze fünfundneunzig Jahre alt.
Als die Frau ihm gegenüber weiter ihre dramatisch überzogene Geschichte abspulte, dachte er daran, dass sie womöglich gern alles und jedes über Gebühr aufbauschte. Dass sie jedoch unglücklich war, stand außer Frage, denn das erklärte ihr abgerissenes Aussehen und die Weinflaschen in der Papiertüte. Laut ihren Worten war sie mit dem Überlandbus von Goldthwaite herübergekommen und dann sprach sie schon wieder von den Kindern.
An dieser Stelle gelang es Leo eine Zwischenfrage einzuschieben, denn er meinte: „Welche Kinder? Ihre?“
Mrs. Johnson, ihre Tränen einigermaßen unter Kontrolle haltend, blickte ihn daraufhin an, so als müsste er die Antwort ohnehin wissen.
„Die Johnson-Kinder natürlich“, sagte sie vorwurfsvoll. „Erinnern Sie sich nicht an den Fall? Die ganze Geschichte ging doch wochenlang durch sämtliche Medien!“
„Ach ja, die Johnson-Kinder, ich erinnere mich“, sagte Leo. „Das sind Ihre Kinder, nicht wahr?“
Zu seiner Überraschung schwieg die Frau, doch dann sagte sie feierlich: „Das, Mr. King, sollen Sie gerade für mich herausfinden. Ich weiß es nämlich nicht, ob es meine Kinder sind oder nicht. Ich weiß es einfach nicht.“
Resigniert griff Leo zur Wodkaflasche, um sich den dritten Absolute Pears an diesem frühen Vormittag herzurichten.
„Ich glaube es ist besser, Sie erzählen mir alles von Anfang an“, brummte er und nahm einen großen Schluck.


 

 

 

 


Leo King

Die spannende Sex and Crime – Romanheftreihe

Die „Schundhefte“ oder „Groschenromane“ von damals sind die heutigen „Daily Soaps" im Fernsehen. Für jedermann intellektuell leicht zugänglich und leistbar (einfach produziert, 2-kolumnig geschrieben, nicht gebunden, sondern geheftet). Eine Lektüre mit den üblichen Zutaten, die da wären: „A little crime, a little sex", oder auf Deutsch: „Herz, Schmerz, Mord und Totschlag". Die Romanheftreihe Leo King ist Anreiz und ein Versuch dieser alten Form „der billigen und niederschwelligen Lektüre“ gerecht zu werden. Trivialliteratur für Liebhaber und Sammler dieses Genres.

Romanheftausgabe
Das Einzelheft kostet 3,50 Euro (zzgl. Versandkosten)
Es ist auch ein Abonnement (umfasst sämtliche Hefte) möglich Herstellung und Vertrieb im Selbstverlag

Ab sofort erhältlich und bestellbar beim Autor



Gedankensplitter 2

Buchrückentext aus dem Kurzgeschichtenband "Gedankensplitter 2"

Der Autor und Musiker Christian Hinterauer schreibt bereits seit seiner Jugend. Dieser Umgang mit Schrift und Papier, Noten und Klängen ließ ihn seither nicht mehr los, sondern begleitete ihn fortan beruflich wie privat durch sein Leben. Denn es gibt nichts Schöneres, wenn sich Töne und Wörter in einem bilden, zu wachsen beginnen und sich schließlich zu einem schönen Ganzen zusammenfügen. Es ist ein kreativer Wasserfall, der hoffentlich niemals versiegt. Bestärkt und beseelt von dieser inneren Kraft ist es zu seiner Passion geworden, das was ihn bewegt in Geschichten und Liedern zum Ausdruck zu bringen und mit all jenen, die sich darauf einlassen wollen, uneingeschränkt zu teilen. In diesem Kurzgeschichtenband finden sich also vielerlei Gedanken und Themen, die Hinterauer zu Papier gebracht hat. Sie reichen von seinem Faible für das abenteuerliche Mittelalter, über die bunte Vielfalt des gar nicht so grauen Alltags, dem Betreten jener verschwiegenen Gassen der sündigen Stadt Erotica, bis hin zum tiefen Kramen in der Beziehungskiste. Gedankensplitter eben, denn seine Fantasie kennt keine Grenzen.

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Rehbraunfarben

Leseprobe aus dem Kurzgeschichtenband "Gedankensplitter 2"
Ein Gedankensplitter über einen charmanten Augenzauber, der eiserne Prinzipien ins Wanken bringt und plötzlich Dinge geschehen lässt, die bislang eigentlich unvorstellbar gewesen waren. Ein Tagtraum der besonderen Art.

Mit kräftigen Armbewegungen schob Markus den Rasenmäher durch den Garten.
Rasant kurvte er dabei mit dem knatternden Grasvertilger zwischen den zahlreichen Blumenarrangements herum. Zum Glück hatte Claudia alles mit Rasensteinen eingefasst, also konnte nichts schiefgehen und er somit keinen größeren botanischen Flurschaden anrichten.
Markus grinste fröhlich.
Bis vor kurzem war das Gefahrenpotential hier noch um einiges höher gewesen, denn da war es durchaus vorgekommen, dass er manchmal nicht nur das Gras allein niedergemäht hatte.
Ihm dabei aber böse Absicht zu unterstellen wäre unfair gewesen, denn er besaß nun mal eben keinen grünen Daumen wie seine Frau. Für ihn sahen nämlich alle Gräser und Kräuter irgendwie gleich aus, doch Claudia hatte reagiert und ihr Reich jetzt quasi idiotensicher gemacht.          
Immer wieder fuhr sich Markus mit dem Arm über die schwitzende Stirn. Obwohl es noch früher Vormittag war, brannte die Sonne schon ordentlich vom Himmel herunter.
Bestimmt wäre es jetzt am Badeplatz angenehmer, doch heute kamen die Freundinnen von Claudia zu Besuch und er hatte ihr versprochen, den Rasen zu mähen, damit die Damenrunde im Grünen sitzen konnte.
Schließlich war die Arbeit getan und der Rasen auf dem Centercourt in Wimbledon präsentierte sich bestimmt auch nicht gepflegter.
Markus hatte, wie von seiner Claudia verlangt, den Grasschnitt unter die Sträucher gegeben und nachdem er den Rasenmäher gesäubert hatte, war endlich Feierabend. Ein wenig abgekämpft schlurfte er ins Haus und begab sich unter die Dusche.
Da es gegen Mittag zuging, holte er sich ein Bier aus dem Kühlschrank und schob eine Tiefkühlpizza ins Rohr. Um die Wartezeit darauf zu überbrücken, stellte er den Fernseher an und warf sich auf die Couch. Markus war noch gar nicht richtig zum Durchzappen gekommen, als es an der Haustür läutete.
Nanu, wer konnte das denn sein! Der Briefträger jedenfalls nicht, denn diesem war er zuvor bereits begegnet.
War Claudia etwa schon vom Einkaufen zurück?
Markus öffnete die Haustür und staunte nicht schlecht, denn vor ihm stand eine junge Frau. Sie trug ein helles Sommerkleid und ihre nackten Füße steckten in brauen Sandalen.
Langes, welliges Haar umrahmte ein hübsches Gesicht, das ihn freundlich anlächelte. Doch am hellsten strahlten ihre rehbraunfarbenen Augen, in denen sich das Sonnenlicht zu spiegeln schien.
„Hallo!“, sagte sie mit warmer Stimme. „Hätten Sie ein paar Minuten Zeit für mich?“
„Worum geht’s denn?“, fragte Markus, obwohl er schon ahnte, worauf dieser Überfall hinauslief.
Abschätzend musterte er sein Gegenüber und die braune Umhängtasche, die an ihrer Schulter hing.
Bestimmt war dieses Fräulein da eine von der Sorte, die von Haus zu Haus zog, um den Leuten irgendetwas anzudrehen. Trotzdem passte sie nicht so recht zu denjenigen dieses Schlages, die sonst auf seiner Fußmatte herumtrampelten, denn auf den ersten Blick gesehen wirkte sie eigentlich ganz nett.
Vielleicht sogar ein wenig zu nett. 
Denn eine alternativ angehauchte, strickjackentragende Ökö-Tante von Greenpeace sah anders aus und für eine Bibeltreue von den Zeugen Jehovas kam sie Markus einfach zu wenig streng konservativ oder staubtrocken bieder vor.
Vielleicht war die Kleine da von einem Lesezirkel oder Amnesty International oder sie wollte ihm als arme Kunststudentin eines ihrer selbstgemalten Bilder verkaufen.
Jedenfalls war dieses Fräulein nicht nur zum freundlich Hallo-Sagen vorbeigekommen und das bewies sie ihm auch sogleich.
„Ich bin von der Österreichischen Rettungshundebrigade“, legte sie mit eifrigem Tonfall los. „Sie werden bestimmt schon von uns und unserer Arbeit gehört haben. Die Aufgabe der ÖRHB ist die Suche nach verschütteten, verletzten oder verirrten Personen, sowie die nachfolgende Erste Hilfe-Stellung. Auch sind wir in der Katastrophenhilfe im In- und Ausland beteiligt.“
Also doch so eine, dachte sich Markus und legte wenig begeistert darüber seine Stirn in Falten.
Sie aber warf ihm einen überzeugten Blick aus ihren rehbraunfarbenen Augen zu und kramte dann geschäftig in ihrer Umhängetasche herum.
Bevor Markus dazu kam den Mund zu öffnen, hielt sie ihm bereits einen bunten Folder unter die Nase.
„Hier, bitte sehr, ein wenig Informationsmaterial“, fuhr sie erklärend fort und begann das Heftchen aufzuschlagen. „In dieser Broschüre finden Sie alles über die Ausbildung unserer freiwilligen Rettungshundeführer und Helfer, sowie deren vierbeinigen Suchhunden. Wir hoffen Ihnen so einen kleinen Einblick in unsere Arbeit bieten zu können und wünschen viel Spaß beim Durchblättern.“
Markus beugte sich ein wenig näher an dieses Fräulein heran, während er den Folder entgegennahm. Dabei erhaschte seine Nase einen Hauch vom Duft ihres zarten Parfüms oder waren es ihre Haare, die so gut rochen?
Verstohlen glitt sein Blick vom kleinen Muttermal an ihrem Hals aufwärts über ihr lächelndes Gesicht und blieb schließlich an ihren rehbraunfarbenen Augen hängen, die ihm offen und ohne Scheu entgegenblickten.
„Natürlich kostet das alles Geld und wir von der ÖRHB sind darum auf Ihre Hilfe angewiesen“, hörte er das Mädchen wie von weitem sagen. „Unterstützen auch Sie deshalb unsere Rettungshundeteams mit Ihrer Spende. Es ist ganz einfach und kostet auch nicht viel. Wenn Sie möchten, erkläre ich Ihnen die Zahlungsmodalitäten!“
Normalerweise hätte Markus spätestens jetzt die Bremse gezogen und dieses Gespräch, dass auf das Übliche hinauslief, mit ein paar kurz angebundenen Worten beendet, um anschließend seinem Gegenüber die Tür vor der Nase zuzuschlagen, doch er tat es nicht. Stattdessen versank sein Blick in der samtenen Tiefe ihrer rehbraunfarbenen Augen.
Das Fräulein redete und erklärte, doch er hörte nur mit halbem Ohr zu.
Seine eigentliche Aufmerksamkeit galt indessen ihrer Erscheinung, die ihm immer besser gefiel. Sie wurde Markus zusehends sympathischer und ihr bezauberndes Wesen hatte ihn längst gefangen genommen, ja sogar ein klein wenig verhext.
Dieses Mädchen war so erfrischend natürlich und unbefangen, dass er gar nicht glauben konnte, dass sie in Wahrheit eigentlich auch nur eine von diesen süßholzraspelnden Spendenkeilerinnen war.
Denn die Tatsache, dass sie ihm Geld aus der Tasche ziehen wollte, lag derart offensichtlich auf der Hand und sie machte eigentlich gar kein Hehl daraus, aber konnten diese schönen Augen wirklich so hinterhältig und gemein sein?
Wieder tauchte er in den Blick ihrer rehbraunfarbenen Augen ein. Dort war und fand er so viel, dass ihm Ruhe und Wohlsein brachte.
Träumerisch streifte Markus durch das bunte Farbenkleid eines herbstlichen Waldes und atmete die frische Luft, während seine Füße durch den laubbedeckten Boden raschelten. Er sah die Sonne durch das Blattgewirr der Bäume funkeln, Tautropfen gleißten auf fein gesponnenen Spinnweben und von irgendwoher erklang das helle Lachen einer Frau.
Alles war so friedlich und voller Schönheit, dass er gar nicht mehr von dort fort wollte.   
Markus kannte sich selbst kaum wieder.
War hier etwa eine Art Feenzauber im Gange oder warum fühlte er sich sonst so tiefenentspannt. Eingelullt und betört von ihrer freundlichen Ausstrahlung tat er etwas, dass ihm sonst niemals eingefallen wäre.
Beinah wie in Trance griff er großherzig zum Stift und unterschrieb das Formular, welches sie ihm hinhielt.
Gleich darauf hatte das Mädchen alles in ihrer Umhängetasche verstaut und wandte sich zum Gehen.
„Vielen Dank im Namen der Österreichischen Rettungshundebrigade. Sie werden Ihre Großzügigkeit nicht bereuen“, hörte er sie sagen. „Schönen Tag noch! Vielleicht sieht man sich ja mal wieder!“
Das Fräulein schenkte ihm zum Abschied ein bezauberndes Lächeln und ihre rehbraunfarbenen Augen leuchteten dabei mit der Sonne um die Wette. Dann sprang sie leichtfüßig und mit wehendem Rock die paar Stufen zur Straße hinunter und verschwand schließlich zwischen den Häusern seiner Nachbarschaft.
Markus sah ihr noch eine Weile hinterher, ehe er langsam wieder aus seiner träumerischen Stimmung erwachte. Erst jetzt fiel sein Blick genauer auf das unterschriebene Formular und gleich darauf wäre er am liebsten in einen Schreikrampf verfallen.
Worauf hatte er sich denn da eingelassen! Claudia würde ihm dafür bestimmt ordentlich den Kopf waschen!
Diese Gelegenheit dafür ergab sich bereits wenig später, nämlich, als seine bessere Hälfte vom Einkaufen zurückkam und das Formular in die Hand nahm.
„Was ist denn in dich gefahren! Du bist ja auf einmal die Großzügigkeit in Person!“, monierte seine Frau leicht sarkastisch. „Fünf Euro monatlich und das gleich vertraglich gebundene zehn Jahre lang! Hätte ich mir nicht gedacht, dass dich wirklich mal jemand zum Spenden rumkriegt! Sag, wer hat das geschafft: Irgend so eine hübsche Puppe vielleicht?“
Typisch Claudia! War er denn wirklich so leicht zu durchschauen?
„Ach, weißt du, da war so ein Kerl, der hat derart überzeugend geredet, dass ich mich eben von ihm breitschlagen ließ!“, brummte Markus. „Kommt unter Garantie nicht wieder vor!“
Seine Frau ließ es damit bewenden und wandte sich kopfschüttelnd anderen Dingen zu. Markus aber schloss kurz die Augen und sogleich sah er das sympathische Fräulein wieder vor sich.
Roch den Duft ihres zarten Parfums, lauschte dem freundlichen Tonfall ihrer Stimme und ging erneut durch diesen bunten Wald, in dem er so viel Frieden und Ruhe fand.
Wieder läutete es an der Haustür, doch dieses Mal waren es die Freundinnen, die zu seiner Claudia auf Besuch kamen. Grinsend und etwas erleichtert darüber warf sich Markus neuerlich auf die Couch.
Noch einmal würde er sich nicht rumkriegen lassen, aber gegen die sanfte Magie dieser rehbraunfarbenen Augen hatte selbst sein standhaftes Verweigern, das er diesen Spendenkeilern stets gegenüber brachte, nichts entgegenzusetzen gehabt.
Trotzdem hielt sich sein Unmut in Grenzen, denn schließlich hatte er etwas viel Schöneres von diesem bezaubernden Wesen erhalten.
Nämlich einen wunderbaren Tagtraum, der nur ihm gehörte und hoffentlich noch lange in seinem Kopf lebendig blieb.
Doch davon brauchte Claudia nicht unbedingt etwas zu erfahren.



 

 


Gedankensplitter

Buchrückentext aus dem Kurzgeschichtenband "Gedankensplitter"

Wenn man hobelt, fallen Späne, heißt es in einem Sprichwort. Umgelegt auf die Person von Christian Hinterauer könnte man sagen: Wenn er schreibt, dann fallen Splitter. Genauer gesagt, Gedankensplitter. Seine Kurzgeschichten, die ihn schon sein halbes Leben lang begleiten, spannen einen großen Bogen und lassen dabei auch ein wenig in das Innere des Autors blicken. Von amüsant bis nachdenklich, heiter wie auch skurril, ernst und bissig, träumerisch oder erotisch – die Palette ist bunt und Hinterauer nimmt sich dabei kein Blatt vor den Mund. Gewürzt mit Illustrationen befreundeter Künstler entstand ein lebhafter Erzählband, der jedes neugierige Augenpaar durch die unendlichen Weiten der gedanklichen Fantasiewelt des Autors führt. Gehen Sie mit auf die Reise und erleben Sie seine Gedankensplitter aus ihrem persönlichen Blickwinkel. Was kann da noch schiefgehen!

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Nachtgeschichten

Leseprobe aus dem Kurzgeschichtenband "Gedankensplitter"
Der Großteil dieser Geschichte spiegelt einen Hauptschulaufsatz aus dem Jahr 1974/75 wieder. Seine Bilder blieben in mir so nachhaltig haften, dass es mir vor einigen Jahren ein Bedürfnis war, diese Geschichte noch einmal aufzugreifen und fertigzustellen. Die Zeichnung dazu stammt von meiner Tochter Angelika, deren Finger es geschickt verstehen, mit wenigen Strichen ein ausdrucksstarkes Bild entstehen zu lassen.

Na bravo! Paul wälzt sich ärgerlich im Bett herum. Tiefste Nacht und ich kann immer noch nicht einschlafen. Dabei muss ich doch morgen früh zeitig raus!
Passiert mir eigentlich ganz selten, dass ich nicht zur Ruhe komme, denkt er sich verdrossen und ist auf sich selber ein wenig böse.
Habe ich vielleicht doch zu viel Kaffee getrunken? Eher kaum, das macht mir normalerweise gar nichts aus. Könnte ich literweise trinken, das Zeugs. Das montone Ticken des Weckers kann es auch nicht sein, eigentlich höre ich das gar nicht mehr, außer ich versteife mich darauf, was manchmal vorkommt. Dafür reißt mich sein lärmendes Gebimmel jeden Morgen gnadenlos aus den schönsten Träumen.
Paul liegt da und grübelt vor sich hin. Der fahle Schimmer des Vollmondes fällt in sein Zimmer und ein langer, breiter Lichtstreifen zieht sich quer über seine Bettdecke bis hin zur Wand, um dort in einem beinah fenstergroßen Bild zu enden.
Jetzt habe ich endgültig genug, denkt sich Paul und steht auf.
Er zieht sich an und beschließt einen kleinen Nachtspaziergang zu unternehmen. Das ist nichts Besonderes und macht er eigentlich immer, wenn er nicht schlafen kann.
Er verlässt das Haus, greift in seine Tasche und zündet sich eine Zigarette an. Paul nimmt einen ersten, tiefen Zug und lässt genussvoll den warmen Rauch durch seine Nase strömen. Die Nacht ist angenehm lau und der Himmel sternenklar.
Das sind meine Nächte, so liebe ich sie, denkt er sich und da er noch immer keine Müdigkeit verspürt, marschiert er einfach los.
Gedankenverloren geht er durch die Dunkelheit und streunt ziellos durch die Gassen. Plötzlich reißt es ihn aus seinen tiefen Gedanken, er hebt den Kopf und blickt sich verwundert um. Er muss wohl weiter als beabsichtigt gegangen sein, denn die Gegend hier kommt ihm gänzlich unbekannt und einsam vor. Er steht zwar auf einer beleuchten Straße, jedoch ist weit und breit keine Menschenseele oder Haus zu sehen.
Da habe ich mich aber ordentlich verlaufen, denkt sich Paul und blickt sich suchend um.
Zum Glück tauchen auf einmal die Lichtkegel eines Scheinwerferpaares auf, das sich ihm nähert. Sie werden rasch größer und Paul sieht mit spürbarer Erleichterung ein Auto auf sich zukommen. Wow, es ist eine dieser langen, schwarzen Limousinen, wie man sie sonst nur aus den Filmen kennt.
Steiles Promigefährt, soll ich es wagen? Aber sicher doch!
Er tritt in den Schein der nächsten Straßenlaterne und winkt mit beiden Händen.
Gottlob, der Wagen hält und Paul nähert sich der Fahrertür. Er beugt sich hinunter und will gerade fragen, ob er ein Stück des Weges mitfahren kann, als sich das Wagenfenster einen kleinen Spalt öffnet. Aus dem dunklen Inneren erklingt eine Stimme und der hohle, leblose Bass lässt Paul merklich erschauern.
"Steigen Sie ein!"
Paul beugt sich weiter vor und will einen genauen Blick auf den Sprecher dieser Worte werfen, doch der Versuch bleibt ihm verwehrt, da die Limousine getöntes Fensterglas besitzt. Sogar am Tag wäre er da blind wie ein Maulwurf gewesen.
"Einsteigen, ich warte nicht ewig!", erklingt es nun ziemlich unverschämt fordernd.
Aber ich habe doch noch gar nichts gesagt, denkt sich Paul verwundert und das ungute Gefühl in seiner Magengegend verstärkt sich.
Es ist nämlich nicht unbedingt seine Art in wildfremde Autos zu steigen, schon gar nicht zu so einer späten Stunde. Aber da ich mich nun einmal verlaufen habe, werde ich wohl über meinen Schatten springen müssen. Denn ohne die Hilfe durch diesen Wagen muss ich wahrscheinlich sonst den ganzen Weg den Rest der Nacht zurück marschieren.
"Steigen Sie endlich ein!"
Der leblos klingende Bass ertönt abermals und reißt Paul aus seinen lethargischen Überlegungen. Kurz entschlossen öffnet er die Tür hinter dem Fahrer und steigt ein.
Er lässt sich mit einer unverschämten Lässigkeit auf die weich gepolsterte Rückbank der Limousine fallen, unterdrückt mit Gewalt das in ihm aufkeimende Stargehabe und fragt höflich, weil gut erzogen, in Richtung Chauffeur: "Könnten Sie mich bitte zur Stadt mitnehmen? Ich habe mich nämlich blöderweise in der Dunkelheit verlaufen und dabei etwas die Orientierung verloren. Dafür wäre ich Ihnen echt dankbar."
Der Fahrer nickt nur, spricht jedoch kein Wort. Schwein gehabt, denkt sich Paul und reibt sich zufrieden die Hände.
Mehr höflichkeitshalber, in Wahrheit jedoch seine Nervosität hinter der nagenden Unsicherheit zu verstecken versuchend, bemüht er sich mehrmals mit dem Mann ins Gespräch zu kommen, doch dieser zeigt keine Bereitschaft, ihm zu antworten.
Scheint ein ziemlich einsilbiger Kerl zu sein, denkt sich Paul. Bei den oberen Zehntausend ist wohl noble Zurückhaltung gefragt.
Um sich von seinen leichten Panikattacken abzulenken, sieht er sich im Wagen etwas genauer um. Paul ist, trotz der Dunkelheit, fasziniert von der Größe und Ausstattung dieser Limousine. Reich und prominent müsste man sein, dann gehört dieser Luxus zum täglichen Standard.
Ich werde die paar Kilometer nach Hause genießen, denn wer weiß, ob ich jemals noch einmal diese Vergnügen haben werde. Sacht streichen seine Finger über die weiche Polsterung und das edle Holz. Seine Betrachtungen nehmen ihn dermaßen in Anspruch, dass er ganz auf die Zeit vergisst.
Als Paul wieder einmal aus dem Fenster sieht, bemerkt er zu seinem Schrecken, dass es draußen keinerlei Beleuchtung mehr gibt, weder von der Straße, geschweige denn der hellen Lichter der Stadt. Wo fährt mich denn der Kerl nur hin?, denkt er sich erschrocken und lässt alle Zurückhaltung fallen.
Als er den Chauffeur mehrmals darauf anspricht und noch immer keine Antwort erhält, packt ihn die helle Angst. Der will mich entführen oder weiß Gott was mit mir anstellen, denkt sich Paul entsetzt. Die Zeitungen sind doch täglich voll von solchen Geschichten. Schreckliche Gedanken rasen durch seinen verstörten Kopf.
Er stößt die Wagentür auf, was bei der hohen Geschwindigkeit gar nicht so einfach ist, da der Fahrtwind mächtig dagegen drückt. Mutlos und verzweifelt starrt er in die rabenschwarze Nacht. Was treib ich Wahnsinniger da nur, hab ich den Verstand verloren? Ich bin schließlich doch kein Stuntman, der hier irgendwelche gefährliche Spielchen durchzuführen hat!
Schon will Paul die Tür wieder zuziehen, als der Fahrer ein dumpfes Lachen von sich gibt, dass ihm beinahe das Blut in den Adern stocken lässt. Immer wieder lacht der Kerl und es scheint kein Ende nehmen zu wollen.
Paul hält inne. Noch immer bläst der Fahrtwind in sein Gesicht, doch es schreckt ihn nicht mehr, denn er bemerkt es nicht einmal. Sein Hirn hat längst aufgehört zu arbeiten. Pure Verzweiflung überwindet alle Angst und sein blankes Entsetzen ist tausendmal stärker als die Furcht, die sein Herz umklammert. Also springt er, ohne länger nachzudenken, aus dem Wagen hinaus in die Dunkelheit. Schwer schlägt sein Körper auf dem Boden auf und rollt ein kleines Stück einen Abhang hinunter. Stöhnend richtet er sich auf und reibt seine linke Schulter, die höllisch schmerzt.
Vorsichtig tappt Paul den Hang hinauf zur Straße, jederzeit darauf gefasst, das Quietschen bremsender Reifen zu vernehmen. Doch zu seinem Erstaunen fährt die Limousine einfach weiter und verschwindet schließlich in der Dunkelheit.
Dass der Fahrer meinen Ausstieg nicht mitbekommen hat, ist schon eigenartig, denkt er sich und ist doch froh darüber, dass alles so glimpflich ausgegangen ist.
Über aller Anspannung, die nun langsam verfliegt, siegt schließlich die Coolness.
So eine Scheiße, murrt er. Stellt sich nun die alles entscheidende Frage, wo ich jetzt gelandet bin. Wahrscheinlich mitten in der Pampa!
Seine Augen haben sich inzwischen an das Dunkel gewöhnt und so sieht er sich neugierig um. Da scheint es ihm, als ob sich in einiger Entfernung die Umrisse eines Hauses befänden.
Langsam geht er darauf zu ...

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